Charlie Haden • Chris Anderson

None But The Lonely Heart

Auch wenn bislang keine andere image hifi-LP solch reißenden Absatz fand und noch findet wie die Testplatte Vinyl Essentials mit ihren schnöden Meß-Tönen und Wiederholungen, bietet unsere vierte Scheibe wieder Musik und nichts als Musik. Aber das heißt keinesfalls, dass es über den technischen Aspekt der Produktion nichts zu schreiben gäbe. In puncto Purismus dürfte None But The Lonely Heart Maßstäbe setzen.

Richtungsweisend

Es war für alle Beteiligten klar, dass den Vinyl Essentials etwas Genießbareres folgen musste. Aber bevor es um die Auswahl der musikalischen Inhalte ging, galt es, einige grundlegende Entscheidungen zu treffen. Nichts gegen die fröhlichen beiden ersten Scheiben unseres Mini-Labels. Aber ich persönlich lehne Sampler ab. Dabei bin ich alles andere als ein notorischer Sammler. Wenn die Musik stimmt, ist mir Ursprungsland, Matrizennummer oder Presscode einer Platte reichlich schnuppe. Aber selbst wenn es nur darum geht, ein paar alte Rocksongs für die nächste Party zu erstehen, greife ich lieber zum Original-, denn zum Best-of-Album. Sich aus den Werken eines Künstlers nur die vermeintlichen Rosinen herauszupicken, ist meine Sache nicht. Da erscheint es mir deutlich verlockender, beispielweise eine „klassische“ Charles Mingus- oder Roland Kirk-LP neu aufzulegen. Doch wie einige Wiederveröffentlichungen der Alben des genialen Bassisten von Classic Records und die fantastischen Kirk-Scheiben von Speakers Corner zeigen, können andere Companys das viel besser. Und von Neuproduktionen brauchen Newcomer wie wir nicht mal zu träumen, zumindest wenn halbwegs bekannte Künstlernamen das Cover zieren sollen. Was also tun?

Eine ganze Menge der heute auf CD herausgebrachten Musik wurde aus guten Gründen analog aufgenommen. Vielleicht könnte man ja an ein Mastertape kommen, dessen Inhalt noch nie in Rillen gepresst wurde. Und besonders spannend würde es, wenn der Toningenieur audiophile Ambitionen hatte und der Vielmikrofonie abhold war. Wie beispielsweise Ken Christianson, der 1997 seinen Freund Charlie Haden und den Pianisten Chris Anderson in natürlicher Akustik mit nur zwei AKG C414 aufgenommen hatte. Damals schon wünschten Ken und ich, der ich bei den Sessions dabei sein durfte, uns eine Vinyl-Version der Mitschnitte. Die Musik erschien dann aber wie geplant lediglich als CD auf dem Label von Naim Audio als naimcd022.

Recht kostspielig

Dass Analog-Fan Ken Christianson von einer LP-Version begeistert sein würde, war mir nach unseren Gesprächen in New York klar. Die Rechte für die Produktion lagen aber nicht bei ihm, glücklicherweise auch nicht bei den Künstlern selbst, sondern bei Naim. Verhandlungen mit Charlie Haden können sich nämlich, wie ich beim Verfassen der Liner Notes für The Capitol Sessions, naimcd 025, selbst erfahren musste, äußerst nervenaufreibend gestalten. Um es kurz zu machen: Wir fanden schnell eine einvernehmliche, aber auch mit Blick auf die höchsten Lizenzen, die je für eine image-LP zu zahlen waren, kostspielige Lösung. Und darin war auch vorgesehen, dass Ken die Songs in der fürs Überspielen notwendigen Reihenfolge direkt von den Mastern auf ein sogenanntes Production-Tape kopiert - selbstverständlich von der Nagra IVS, die auch in der Camy Hall für die Aufzeichnung verwendet wurde. Zwischen dem Zwei-Spur-Analog-Recorder und den AKG-Mikrofonen befanden sich damals übrigens kein Mischpult, kein Limiter und kein Effektgerät, sondern nur einige Fuß Kabel.

Kurze Wege

Bei solch authentischem Ausgangsmaterial wollten wir auch bei der Überspielung auf Nummer sicher gehen. Und wer, wenn nicht Willem Makkee, der auch schon die vorherigen image hifi-Titel in den Emil-Berliner-Studios so überzeugend in die Folien geschnitten hatte, käme dafür infrage? Als dann der Termin gebucht war und der jazz-interessierte Teil der Redaktion sich auf die Songs geeinigt hatte, die wegen der kürzeren Spielzeit der LP keinen Platz finden würden, war Ken Christiansons anfängliche Euphorie plötzlich verflogen: Die Überspielung würde etwa drei Dezibel Fremdspannungsabstand kosten, und dann wäre da noch eine Stelle zu editieren. Besser wäre einfach, man arbeitete gleich mit den Mastertapes. Die wolle er jedoch unter keinen Umständen aus der Hand geben. Allerdings wäre er bereit, seine wertvollen Bänder über den Atlantik zu begleiten. Nach kurzer Rücksprache mit image-Geschäftsführer Thomas Zimmermann, dem die Kalkulation der Platte obliegt, stand der technisch untadeligsten Lösung dann nichts mehr im Weg.

Profis unter sich

Nach ergiebigen Fischzügen in Münchener Second-Hand-Plattenläden – Ken favorisiert deutsche Pressungen seines Lieblings-Labels ECM – trafen wir in Hannover ein. Und schon nach dem ersten Dialog zwischen Ken und dem Schneideingenieur stand fest: Wir haben ein Problem. Da ihm ein besserer Bass-Sound wichtiger ist als bisschen weniger „Tape-Hiss“ hatte Ken die Nagra mit 19 Zentimeter pro Sekunde laufen lassen. Die Maschinen im Studio waren aber für 38 oder 76 eingerichtet. Während ich schon das gesamte Projekt gefährdet glaubte, blieb Willem Makkee stoisch ruhig und rief kurz den Kollegen von der Technik. Der erschien bald darauf, aber nur, um umgehend in Begleitung der Studer-Maschine wieder zu entschwinden. Während er mal eben den Motor samt Steuerkarte sowie die Entzerrerkarten tauschte, machte sich unser niederländisch-amerikanisches Duo mit Schere und Klebestreifen über die Mastertapes her. Die beiden Klangtüftler verstanden sich auf Anhieb, und das lag nicht nur daran, dass Willem Makkee einige von Kens geliebten ECM-Scheiben geschnitten hatte. Man war sich auch einig, die Signale des Mastertapes ohne klangliche Beeinflussung auf den Schneidekopf zu geben und lieber noch einen weiteren Titel zu streichen, um die Spielzeit der beiden Seiten unter 20 Minuten zu halten und so höchste Klangqualität zu garantieren. Ob sich Kosten und Mühen gelohnt haben, muss ein jeder für sich entscheiden. Wir haben jedenfalls für den nach einem Direktschnitt kürzesten Signalweg gesorgt. Die Pressung erfolgt wie gehabt bei der Pallas in Diepholz in 180 Gramm feinsten Vinyls. Und die Musik? Ich denke, der Name Charlie Haden spricht für sich selbst.

Anmerkung I: Der Artikel wurde erstmals in image hifi 3/02 veröffentlicht und für diese Seite leicht überarbeitet. Die image-LP 004 ist schon seit langem ausverkauft. Naim hat Hadens Album jedoch vor nicht allzu langer Zeit noch einmal in den Abbey Road Studios überspielen lassen und als Naimlp079 herausgebracht.

Anmerkung II: Nach ersten Erfahrungen mit eigenen Aufnahmen ist der Autor allerdings vom Klang der Zwei-Mikrofon-Aufnahme nicht mehr so angetan wie bei ihrem Erscheinen: Die Balance zwischen Bass und Flügel allein durch deren Abstand zu den in ORTF-Konfiguration aufgestellten Mikrofonen herzustellen, scheint mir heute nicht mehr das Mittel der Wahl, da auf diese Weise beim weiter entfernten Flügel viel mehr indirekte Schallanteile – und damit auch Raumeinflüsse – mit aufgezeichnet werden als beim nah positionierten Kontrabass.

Playlist

Charlie Haden • Chris Anderson - None But The Lonely Heart

Seite A
The Night We Called It A Day (Matt Dennis / Thomas Adair) 13:21
I Hear A Rapsody (George Fragos / Jack Wayne Baker Jnr. / Dick Gasparre) 7:04
Seite B
Alone Together (Arthur Schwartz / Howard Dietz) 6:52
Body And Soul (John Green / Frank Eyton / Edward Heyman / Robert Sour) 6:24
CC Blues (Charlie Haden / Chris Anderson) 5:25
Musiker
Chris Anderson (Piano)
Charlie Haden (Kontrabass)
Aufnahme: Ken Christiansen
Produzent: Dirk Sommer
Schnitt der Lackfolie: Willem Makkee
Pressung: Pallas
sommelier du son ist ein Projekt von Birgit Hammer-Sommer und Dirk Sommer, bei dem sich alles um gute Musik und ihre adäquate Aufnahme und Wiedergabe dreht.
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